Fair Fika: Cradle to Cradle feat. AVOUR

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Cradle to Cradle // Ein Wirtschaftsprinzip, dass man vielleicht schonmal gehört hat oder auch: Ökoeffektive Kreislaufwirtschaft. Der neueste Shit, wenn man mit Nachhaltigkeit in der Modebranche zu tun hat. Warum das nächste Shirt jetzt auf den Kompost kommt und die Verpackung zum Möbelstück wird, erfahrt ihr nach einem Klick von Patric Scordialo persönlich, Gründer des ersten zertifizierten Cradle to Cradle Labels: AVOUR.

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Fashion Fika: Wir leben in einem Zeitalter des Storytelling – what’s the Story of AVOUR?

Patric Scordialo: Das Unternehmen selbst gibt es seit ca. 1 ½ Jahren. Die Idee dazu entstand vor ca. 5 Jahren und seit drei Jahren arbeiten wir daran. Die Story hintendran ist sehr facettenreich und hat verschiedene Ausprägungen.

Meine Eltern haben einen Chemibetrieb gehabt und haben dort Erdöl basierte Polymere an die Papierindustrie verkauft. (WTF?) Dadrüber habe ich vor ca. sieben Jahren einen indischen Geschäftspartner kennen gelernt, der mich auf das Thema Cradle-to-Cradle brachte. Der hatte das Buch „Cradle to Cradle“ von Michael Braungart und William McDonough dabei.

Dann habe ich mich gefragt in welchen Bereichen man dieses Geschäftsmodell einsetzen kann und gemerkt, dass man es, abgesehen vom atomaren Bereich, grenzenlos einsetzen kann. Die Frage in welche Richtung nun der nächste Schritt sein könnte, ließ sich schnell mit der Textilindustrie beantworten.

Dann haben wir uns eine lange Zeit intensiv mit dem Begriff der Nachhaltigkeit, außerhalb des Marketingschlachtwortes, auseinander gesetzt und haben geschaut wie ist es soziologisch, wie ist es ökologisch, wie ist es ökonomisch – wie setzen wir das am besten um.

Deswegen kam eine Fertigung im Ausland für uns nicht in Frage. Ich habe keine Zeit, insbesondere wenn man es wirtschaftlich aufbauen will, drei-bis viermal im Jahr ins Ausland zu reisen um in den Nähereien vor Ort zu sein. Außerdem kann man das gar nicht beurteilen, auch wenn man mehrmals im Jahr für zwei Wochen bliebe. Ob das was dort passiert wirklich fair ist und ob das was dort gezahlt wird tatsächlich dem Mindestlohn entspricht, kann man so nicht beurteilen.

So ist die Idee dann entstanden. In der WG wo ich damals gelebt habe ist die Idee dann immer weiter gewachsen.

FF: Kannst du einmal in deinen Worten Cradle to Cradle erklären?

PS: In einfachen Worten ist Cradle to Cradle nichts mehr zu VERbrauchen, sondern alles zu GEbrauchen. Das Produkt was wir haben ist ein T-Shirt, wenn man es nicht mehr gebraucht kommt es in die grüne Tonne oder auf den Kompost.

„Leider kann man auch theoretisch ökologisch abbaubare Textilien nicht in die grüne Tonne tun, denn in der Industrie wird mit anderen Cyclen gearbeitet. In der grünen Tonne müsste es innerhalb von vier Wochen abgebaut sein, das geht nicht, beim Shirt dauert es sechs Monate.“

Leider kann man auch theoretisch ökologisch abbaubare Textilien nicht in die grüne Tonne tun, denn in der Industrie wird mit anderen Cyclen gearbeitet. In der grünen Tonne müsste es innerhalb von vier Wochen abgebaut sein, das geht nicht, beim Shirt dauert es sechs Monate.

Unser Produkt ist so ausgestattet, dass man es komplett wieder verwenden kann zur Produktion für neue Textilien. Bei einem Textil ist dieser Prozess unglaublich schwierig, da gibt es einfachere Beispiele. Bei einer Zahnbürste beispielsweise kann man die Einzelteile leicht auseinander nehmen und Recyceln.

FF: Du hast gesagt Cradel to Cradel ist Dinge zu Gebrauchen, nicht zu Verbrauchen. Da wird am Ende der Kette angesetzt. Die Rohstoffe, die ihr verwendet sind aber neu, oder? Ideal wäre es doch schon bereits recycelte Rohmaterialien für die Produktion zu verwenden. (Close the Loop)

PS: Es gibt viele Recyclingströme, die noch nicht weit genug entwickelt sind. Da müssen wir ansetzen, für uns schauen und dort den nächsten Schritt gehen. Dafür bräuchten wir Recyclingstellen für Crade to Cradle zertifizierte Textilien. Da sind wir leider noch nicht.

Aber sind soweit, dass wir unseren Kunden auch die Möglichkeit geben selbst die Verpackung wieder in einen Kreislauf zurückzuführen.

FF: Hältst du es für realistisch, dass sich Cradle to Cradle ganzheitlich in der Wirtschaft, oder in der Modebranche durchsetzen wird?

PS: Das ist eine spannende Frage.. also für realistisch halte ich das. Ob ich das noch miterleben werde ist eine andere Frage.

Die Bemühungen im gesamten Sektor sind ja an sich schon sehr stark mit treibenden Kräften hintendran, wie bspw. die INNATEX, die mit daran arbeiten, dass wir dahin kommen. Ob das noch 30, 40 oder 50 Jahre dauert, keine Ahnung.

FF: Hast du das Gefühl, dass auch die „Big Player“ der Modeindustrie, wie INDITEX oder die H&M Group, da genauso dran arbeiten?

PS: Persönlich kann ich es nicht belegen und kann auch nur das wiedergeben was man in den Netzwerken mitbekommt. Ich habe gerade noch gehört, dass ein großer Sporthersteller im Hintergrund seit 1 1/2 Jahren an einer Zertifizierung arbeitet und das für eine komplette Linie. Da wird es jetzt den ersten ganzheitlichen Ansatz in der Industrie geben.

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„Es ist nicht der Farbstoff selber, der kritisch ist. Es ist die Art und Weise wie ich den Farbstoff auf die Faser bringe.“

FF: Kommen wir zur Farbe: ihr vertreibt auch schwarze Shirts. Was verwendet ihr für Farbe und kann man die genauso kompostieren?

PS: Ja, die selbst die schwarzen Shirts kann man kompostieren. Im Rahmen der Cradel to Cradle Zertifizierung werden im Institut Essets (Farbstoffe) entwickelt, die man nicht gern in der Öffentlichkeit nennt. Das hat einfach mit Protektionismus zu tun – Trigema hat die Entwicklungsarbeit mit bezahlt.

Ich möchte dabei aber auf eines hinweisen, weil das Leute oftmals nicht verstehen. Es ist nicht der Farbstoff selber, der kritisch ist. Es ist die Art und Weise, wie ich den Farbstoff auf die Faser bringe. Da wird unglaublich viel Chemie eingesetzt. Da hatten wir auch schon auf der INNATEX eine ganz spannende Diskussion mit einer Bloggerin, die kritisch hinterfragte.

FF: Gibt es denn eine umweltfreundliche Methode Farbe auf das Textil zu bringen?

PS: Ja, absolut. Wir setzen ausschließlich Kaltfärbeverfahren ein, die technologisch nicht so aufwendig sind und energetisch natürlich viel sinnvoller sind. Das Problem ist die Farbbeständigkeit.

FF: Die weißen Shirts hingegen werden gebleicht? Die sind ja nicht von Natur aus so weiß..

PS: Genau, jede Faser hat von Natur aus einen gewissen Gelbstich, das lässt sich nicht vermeiden. Mit Wasserstoffperoxid lässt sich da heute schonend bleichen und wenn man geschlossene Kreisläufe hat in der Färberei und der Bleichere, kann man das Wasserstoffperoxid auch mehrfach wieder verwenden bis es dann irgendwann verbraucht ist.

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FF: Kommen wir zur letzten Frage: Wo genau lasst ihr produzieren?

PS: Das wird alles von Trigema produziert. In Deutschland – in Burladingen auf der Alp. Dort sitzen über drei Werke verteilt 1200 Näherinnen. Wir arbeiten mit Trigema zusammen, damit wirklich alles transparent ist. Das macht Herr Grupp auch exklusiv nur für uns und wir werden persönlich von ihm betreut. Es ist eine schöne Kooperation mit ihm, weil er sehr offen ist.

Vielen Dank für das Interview, Patric! Wenn ihr noch mehr zum Thema Cradle to Cradle wissen wollt, hat Avour es hier nochmal im Detail erklärt!


Jetzt seid ihr wieder and er Reihe: Was haltet ihr von Cradle to Cradle? Seht ihr vielleicht eher in einem anderen Nachhaltigen Ansatz die Zukunft der Modebranche? Was fehlt? Was wäre noch wünschenswert!? Habt ihr schonmal ein Shirt auf den Kompost geworfen?

1 Kommentare

  1. Coole Sache, finde die Cradle to Cradle Idee klasse. Es müsste nur mehr Menschen geben, die das Bewusstsein der Nachhaltigkeit haben.

    Schön dass hier mit Trigema in Deutschland produziert wird. Alles geht

    Gruss
    Tine

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